cine:plom
cine:tv:plom
kommentar:plom
reste:plom
Eines von mehreren
plomlompom-Projekten
Datenschutz-Erklärung
Impressum

futur:plom

Enjoying das Zukunft
Über diese Seite

Futuristische und utopische Notizen von Christian Heller a.k.a. plomlompom.

Orientierung

Themen-Einstiege

Berichte, Lektüren

Abonnement

Letzte Kommentare

24c3 #22: geschlechtspolitisches Sich-um-Kopf-und-Kragen-Reden (2)
     Günter Komoll, egal

Antisozialdemokratische Utopie Grundeinkommen (7)
     Martin Werner, Philipp, Klaus Gieg, ...

Afrikas größter Exportschlager: die Supercomputerisierung der Erde (3)
     Christian, Christian, sunny

Blogroll

Englisch

Deutsch

Lizenz

Für alle von mir verfassten Texte auf dieser Seite gilt folgende Lizenz:

Creative Commons License

Partnerschaften

Werbung

Dieses Blog ist eingestellt

Dieses Blog ist eingestellt. Das heißt nicht das Ende meiner futuristischen Beschäftigungen; ich führe sie nur eben im plomlompom-Wiki weiter, meinem neuen Mind-Upload- und Diskurs-Maschinisierungs-Projekt. Diese Seiten hier bleiben aber bis auf Weiteres als Archiv bestehen.

Kommentare [4]   Friday November 20, 2009

SIGINT09-Vortrag Mind Upload Cheat Codes

Auf der SIGINT09 hab ich einen Vortrag mit dem Titel “Mind Upload Cheat Codes” gehalten. Hier die Slides:

Auch nochmal runterladbar als pdf, odp und ppt.

Und im Folgenden gleich eine grobe thematische Zusammenfassung aus dem Konferenzprogramm. Wer da war und eine anonyme Bewertung des Vortrags abgeben will, bitte hier machen, würd mich freuen …

.

Mind Upload Cheat Codes

Du möchtest dich in unsterbliche Computersoftware verwandeln? Warum warten? Vielleicht machst du es bereits!

Schon heute eröffnet uns Informationstechnologie viele der Möglichkeiten und Fragen, die das futuristische Konzept des “Mind Uploads” verspricht. Festplatten- und Online-Speicher werden unser Gedächtnis, zeichnen jeden Augenblick unseres Lebens in beliebige Abrufbarkeit auf. Wir gießen und strukturieren unseren Geist in Gefäße wie “Mind Mapping” und persönliche Wikis, bis Geist und Computer zusammenfließen. Unsere Identität und unser Sozialleben setzen wir in Online-Profile und -Aktivitäten, die ein Eigenleben entwickeln. Was von uns ins Digitale hinein wächst, kann schon heute gebackupt, kopiert, revidiert, geopensourced, geforkt und automatisiert werden. Wir können unsere Identitäten der Adoption durch Andere öffnen, Chatterbot-Simulatoren unserer selbst erziehen und künftigen Intelligenzen genug Information überliefern, um daraus von ihnen umfassend rekonstruieren zu werden. Erstaunliches mag für Begriffe wie “Ich” oder das “Menschsein” folgen.

Über alle Zeiten hinweg war ein verbreiteter Wunsch der menschlichen Persönlichkeit die Überwindung der räumlichen und zeitlichen Schranken ihres sterblichen Körpers. Ein Lösungsansatz wird nun mit dem techno-futuristischen “Mind Upload” versprochen: das Einscannen der neuronalen Konfiguration des Gehirns in eine Computersimulation desselben. Leider scheint dies abhängig von großen Fortschritten in Neurowissenschaft, Nanotechnologie und Rechenkapazitäten, die noch nicht erreicht sind. Aber warum darauf warten? Im Digitalen Zeitalter sind Methoden, Erfahrung, Wissen, Gedächtnis, Identität und Geist in Computersysteme hochzuladen, reichlich vorhanden. In meinem Vortrag möchte ich dazu einige beispielhafte Möglichkeiten, Folgen und aufgeworfene Fragen abhandeln.

Ein Beispiel: Auf unseren Festplatten und in unseren Web-Profilen speichern und organisieren wir Daten über uns in Größenordnungen, die jede Überlieferung der berühmtesten Könige und Dichter der Vergangenheit übertreffen. Um wieviel detaillierter, tiefer und komplexer könnten künftige Historiker oder Computersysteme ein Bild oder eine Simulation von uns rekonstruieren? “Lifeloggers” gehen so weit, jeden Augenblick ihres Lebens aufzuzeichnen, jederzeit nach Wunsch aufrufbar. Was passiert, wenn unsere Gedächtnisfunktion sich vom Gehirn in Computerspeicher verschiebt? Wie sortieren und sichern wir unsere digitalen Erinnerungen am Besten in Erwartung künftiger Anwendungsfälle wie z.B. Virtual-Reality-Nachbauten unserer Vergangenheit und Gegenwart?

Andererseits versprechen uns Programme wie “Mind Mapping”-Software zumindest vom Namen her Gefäße, um Inhalte und Vorgänge unseres Geistes aufzufangen. Man kann über ihre Eignung dafür streiten. Aber es gibt zum Beispiel persönliche Wikis, die einer einschüchternd umfassenden Wiedergabe von jemandes innerer Geisteslandschaft dienen, mit Tausenden umfangreich miteinander verschalteten Knoten für Erinnerungen, Ideen, Lektürenotizen, Pläne, Gespräche, Bewusstseinsströme usw. Wächst mit der Abdeckungsbreite auch die geistige Abdeckungstiefe eines solchen Wikis? Trainiert sich der Geist im Formalisieren seiner Vorgänge in die jeweilige Wiki-Logik hinein? Werden beide konvergieren? Dann könnten wir durch einen menschlichen Geist googlen, seine Versionsgeschichte durchschreiten — und sogar Backups machen!

Zugleich bedeutet Leben im “Social Web” das Definieren und Formalisieren persönlicher Identität und Sozialbeziehungen in einen rein digitalen Raum hinein. Dort können sie unheimliches Eigenleben entwickeln, wie weiterbestehende Web-2.0-Profile kürzlich Verstorbener oder unechte, aber realistische Simulationen von Berühmtheiten. Dienste wie LegacyLocker.com oder DeathSwitch.com versprechen nach gewisser Inaktivitätszeit ein Leben-nach-dem-Tod für die Web-Identitäten Verstorbener, durchs Öffnen von Benutzerkonten an Nahestehende oder das Verschicken vorbereiteter Nachrichten einmalig sofort oder zyklisch-später zu Geburtstagen bzw. anderen Jubiläen; die Evolution komplexerer, reaktionsfähigerer, intelligenter Post-Mortem-Verhaltens-Dienste für Web-Identitäten ist ein naheliegender Spekulationsgegenstand.

Wie lassen sich solche Methoden weiterdenken? Könnten wir Twitterbots erziehen, jemandes Twitter-Ausstoß nach Analyse seiner Twitter-History zu simulieren und beobachten, wie seine Follower auf diesen Bot reagieren oder mit ihm interagieren? Etwas Ähnliches bietet etwa kommerziell für Chatterbots MyCyberTwin.com an: das Erziehen einer personalisierten Chatterbot-Simulation, um einen in der Interaktion mit Anderen glaubwürdig zu vertreten, wenn man nicht die Zeit oder Lust dazu hat. Wir könnten für unser Leben und unsere Verhaltensmuster maschinenlesbarere Formalisierungen entwickeln, damit Computer-Intelligenzen mehr semantisch aufgeladene Daten haben, um uns zu rekonstruieren. Oder wir könnten unsere Benutzerkonten öffnen und willentlich “Identitätsdiebstahl” provozieren, als soziale Fortsetzung bzw. Fork unserer Web-Persönlichkeiten. Die Unsterblichkeit einer Identität liegt vielleicht paradoxerweise in der Auflösungen eines zu engen Identitätsbegriffs. Weitere Ideen sind gern gesehen!

Kommentare [7]   Tuesday June 2, 2009

Internet, das ist die Politik; Politik, das ist das Internet!

Irgendwie wollte ich seit über einer Woche schon was bloggen, ein Fazit über das PolitCamp09, meine dort gehaltene Session, dann die ePetition gegen Internetzensur, nach und nach hoppste da ein Thema auf das nächstes, so dass ich nicht mehr nachkam …

Also ratter ich nur mal das Notwendige ab, und vielleicht fällt mir dabei ja noch was ein.

Am 2.-3. Mai war nun das PolitCamp09. Ich fand’s spannend, denn es legte die Tiefe des Grabens zwischen hiesigem politischem Establishment und der Internet-Kultur ziemlich drastisch offen. Da gab’s wenig Vermittlungsraum zwischen denen, die sich überlegten, wie sie mittels Twitter die Wahlkampfpropaganda ihrer Partei besser broadcasten könnten, und denen, die aus dem Internet das Ende nicht nur der derzeitigen Parteienlandschaft, sondern bisheriger Bauformen von Demokratie überhaupt schlossen. Die Gegensätze standen angenehm unharmonisiert nebeneinander, mit viel ungewolltem wie gewolltem Unverständnis gegeneinander und sich in viel schönem Gezoffe manifestierend. Synthetisierende Ausnahme — Politikwissenschaftler! — bildete der nüchtern analytisch-fragende Abschlussvortrag von Stefanie Stift und Ralf Bendrath, “Politik 2.0 und Demokratie”.

“Was da noch auf die Politik zugerollt kommt”

Ich selbst nutzte die Gelegenheit für ein bisschen haltloses Rum-Utopisieren in, wie mir sicherlich zurecht vorgeworfen wurde, grober technikdeterministischer und digital-libertärer Manier. Hier die Slides, die den Hintergrund für ein kurzes Stream-of-Consciousness-Impulsreferat bildeten, mit dem ich dann eine Diskussion anregen wollte:

Was da noch auf die Politik zugerollt kommt
View more presentations from Christian Heller.

Und hier noch ein paar Ergänzungen zu den Slides:

Den Barlow wollte ich eigentlich als Utopie 1.0 reinwerfen, die so natürlich schon historisch überholt sei; das Predigen eines eigenen Cyberspace-Raums, unabhängig von der Fleisch-und-Stahlwelt; dem entgegen eine Gegenwart, in der der Cyberspace zur neuen Grundvermittlungssubstanz letztlich auch dieser Fleisch-und-Stahlwelt wird. Der Kritik an meinem Vortrag entnehme ich aber, dass das so nicht ankam, sondern stattdessen durchaus so, dass ich undifferenziert “das Internet” als einen eigenen Raum ausgemalt habe, der losgelöst vom ‘Rest’ existiere und wirke; eine Kritik, die Ralf Bendrath im vorhin erwähnten “Politik 2.0 und Demokratie” nochmal sehr schön ausformulierte. Das “Internet” ist inzwischen da und allgegenwärtig, eine Utopie, die von ihm als einem unverbundenen Eigenraum handelt, passt nicht mehr so richtig, und der Begriff ist auch zu allgemein. Vielleicht könnte es sinnvoller zu sein, z.B. zu fragen, was bestimmte Dynamiken aus der Web-2.0-Logik zur sozialen Vermittlung beitragen, als was die Gesetze ‘in’ diesem allgemeinen ‘Raum’ Internet seien.

Dann wollte ich einige Freiheiten postulieren, die das “Internet” (ahem, ok) unausweichlich schafft, wenn man es nicht gerade mit absoluter Nordkoreanisierung der Gesellschaft raushalten möchte.

Was die absolute Freiheit des Informationsflusses im Netz z.B. zuende gedacht heißen muss: Dass das Internet (Rule 34) tatsächlich zu einer Borges’schen “Bibliothek von Babel” wird, in der jeder denkbare Text (jede denkbare Information, jedes denkbare Bild), sprich, jeder, für den eine Suchanfrage formulierbar ist, egal wie gut oder böse oder falsch oder richtig, sich unbesiegbar reinfrisst. Dass man lernen muss, damit zu leben, d.h. mit jeder Form von konstruktiver und destruktiver Kritik, mit Neonazipropaganda, mit hate speech, mit Kinderpornographie, mit Bombenbauanleitungen und selbst mit Furries. Deren bedrohlicher Wirkung mit anderen Mitteln zu begegnen lernen muss als mit Zensur, die im Netz als langfristige Lösung nie funktioniert. Unterdrücken funktioniert nicht, bestenfalls neutralisieren in der Wirkung durch Druck/Entautorisierung durch Gegenmaterial. Hierfür wiederum entstehen genau die richtigen Infrastrukturen, das Auflösen aller dauerhaften Autoritäts-Hierarchien, die Deindexikalisierung allen Bildmaterials (die totale Photoshoppisierung von allem entwertet auch die Wirkung ‘realer’ Fotos), die Wikisierung jeder Information.

Und die andere Freiheit, die Freiheit der Assoziation: dass das Netz es mir leichter macht, spontane Zweckgemeinschaften und so flüchtige wie effektive Spontan-Parteien zu bilden; eigene Freiheitsräume aufzumachen, in denen ich mein Ding drehen kann ohne Anderen auf die Füße zu treten und damit auch, ohne mich Regeln des Zusammenlebens oder Konsens mit ihnen beugen zu müssen; dass so auch Raum entsteht, um Solidarität post-staatlich zu organisieren; dass die Greifbarkeiten verschwinden, die der Staat bisher verwalten konnten, ihm durch die Finger schwinden, Konzepte wie der “Bürger” oder die “Solidargemeinschaft” sich genauso verflüchtigen werden wie die Hoheit über die Wirtschaft; dass die Identitäten, mit denen Gesellschaft umzugehen lernen muss, sich vielleicht am Ehesten in so etwas wie der posthumanen Spontan-Emergenz “Anonymous” manifestieren, sich nicht mehr auf Ausweis oder Rechtsperson oder Herkunftsland mappen lassen.

Forderungen an die Politik: die durch das Netz geschaffenen neuen Freiheiten nicht zu bekämpfen versuchen, denn effektiv wäre das nur durch Einrichtung von Kontrollstrukturen möglich, deren Antifreiheitlichkeit dem Ideal einer offenen Gesellschaft grundlegen widersprechen müssten; stattdessen als politische Aufgabe, den Zugang zu diesen, zu den Möglichkeiten des Netzes, notwendige Bedingung gesellschafticher Teilhabe im 21. Jahrhundert, sozial auszubreiten, den “Digital Divide” abzubauen; und den unvermeidlichen Zusammenbruch alter Strukturen möglichst schonend für die Betroffenen abzufedern, in verantwortungsvoller Anerkennung seiner Unvermeidlichkeit möglichst menschenfreundlich auf ihn vorzubereiten. Dazu notwendige Kompetenzen: verantwortungsvolle Anerkennung des eigenen Kontrollverlusts, statt panisch wild um sich zu trampeln und dabei jene mit in den Abgrund zu reißen, denen man eigentlich dienen sollte; sich als freiwilliges Angebot (nichtkapitalistische Dienstleistung?) statt als Obrigkeit, die alles per default erstmal zu regulieren hat, zu begreifen; Total-Transparenz aller politischen und bürokratischen Entscheidungsvorgänge, Informationsflüsse, Interessen und Einfluss-Namen; und die Anerkennung von “Usability” als Bürgerrecht gegenüber allen Interaktionen mit dem Staat.

Dass grob meine Thesen-Agenda in der Session. Wurden kontrovers aufgegriffen & widersprochen, wobei die Diskussion rasch eine sehr schöne Eigendynamik annahm. Eine spannende Fortsetzung der Diskussion vor allem zum Ende der Flaschenhälse bzw. zum Zusammenbruch der bisherigen Gefäße und Greifbarkeiten für Demokratie fand sich tags drauf, siehe hier und hier bei mspro.

Petition

Die Woche drauf freilich wurde die luftige Allgemeinheit / zahnlose Virtualität dieser Diskussionen dann sehr rasch sehr konkret abgewechselt durch die Bundestags-Petition von Franziska Heine gegen die vom Familienministerium geplante Einführung einer Internet-Zensur-Infrastruktur, die binnen vier Tagen nach Veröffentlichung die erforderlichen 50.000 Mitzeichner für eine öffentliche Anhörung im Bundestag erreichte (und inzwischen, nach insgesamt 8 Tagen, die 75.000 überschritten hat), und deren beeindruckende Dynamik die zarten Pflänzchen der Dissonnanz zwischen Politikverständnis der Netzwelt und Netzverständnis der Politikwelt nun gut im alt-öffentlichen Diskurs zu manifestieren verspricht. Zur Unterstützung dieser Dynamik bitte ebenfalls unterzeichnen!

Kommentare [1]   Tuesday May 12, 2009

PolitCamp09-Sessionplanung

Hab vorhin gesehen, dass ja inzwischen die Session-Planung fürs PolitCamp09 läuft, und ganz ans Ende einer bereits langen Liste von Einreichungen meinen bescheidenen Session-Vorschlag eingefügt:

Was da noch auf die Politik zugerollt kommt – Copyright-Kriege, unkontrollierbare Öffentlichkeit, Kollaps des Datenschutzes – das sind erst die Anfänge der Herausforderungen, denen die Entwicklungsachse Internet die Politik aussetzt. Möchte grundlegenden Überblick über die absoluten gesellschaftlichen und individuellen Freiheiten geben, die das Netz schafft und hinter die Politik (so sie nicht voll und ganz Nordkorea spielen will) es langfristig nicht wieder wird zurückdrängen können: z.B. Freiheit der Identität, Freiheit des Austauschs, Freiheit der Intelligenz. Warum/wie das Netz die traditionellen politischen Gefäße, Flaschenhälse, Solidargemeinschaften sprengt/obsolet macht. Was die Rolle einer Politik im 21. Jahrhundert überhaupt noch sein kann: sicherzustellen, dass der Übergang in ein Mehr an Freiheit (und damit ein Weniger an Kontrolle) so transparent, menschenschonend/menschenfreundlich und sozial breitverteilt wie möglich abläuft. (Z.B. via Besinnung des Staates auf neue Bürgerrechte im digitalen Zeitalter, z.B. absolute Transparenz aller staatlichen Informationen, Usability, APIs.) (Christian Heller aka “plomlompom”)

Resonanz ist aber noch bescheiden (man kann dort, zur Auslosung der Sessions, die irgendwo unterkommen, als PolitCamp-Teilnehmer voten, ob man einen Vorschlag interessant findet, habe bisher erst zwei Interessenten ;-) ). Sind aber dafür auch schon einige andere interessante Session-Vorschläge drin, die ähnlichen Themenkomplex anschneiden.

Kommentare [2]   Tuesday April 28, 2009

Der Mensch im Kosmos #0: Vorreden

Lektüre Teilhard de Chardin, “Le Phénomène humain” (1955) in der Übersetzung “Der Mensch im Kosmos” von Othon Marbach (1959)

Vier Texte stehen dem Haupttext voran: 1. eine Liste der Unterstützer des Paters Teilhard de Chardin, aufgeteilt in ein “Wissenschaftliches Komitee”, das z.B. Evolutionsbiologe Julian Huxley und Welthistoriker Arnold J. Toynbee umfasst, und ein “Ehren-Komitee”, in dem mir vor allem André Malraux entgegen springt, der Spanischer-Bürgerkriegs-Kämpfer, Filmregisseur und (als arrivierter Kultusminister) kulturpolitische Todfeind der Nouvelle Vague; 2. ein Vorwort von N. M. Wildiers, eines “Dr. theol.”, der Teilhard de Chardins Funktion als Harmonisierer von Naturverständnis und Christologie, Wissenschaft und Theologie lobt, um für die wissenschaftliche Moderne jenen Zustand wiederherzustellen, den er (also Wildiers) nostalgisch mit dem Satz herbei sehnt: “Dem mittelalterlichen Menschen war diese Harmonie sozusagen eine Selbstverständlichkeit”; 3. eine “Vorbemerkung” von Teilhard de Chardin selbst, in der dieser ankündigt, im folgenden Werk sich weniger an Metaphysik und Theologie zu versuchen als viel mehr an wissenschaftlicher Natur-Erkenntnis, einer Erfahrung und Beschreibung des Universums in Form zurück wie vorwärts denkbarer Gesetzmäßigkeit, einer Perspektive unter Anerkenntnis der Notwendigkeit vieler Perspektiven (hier findet er in Abgrenzung zur “Metaphysik” den schönen Ausdruck “Hyper-Physik” für Universums-Grundformen-Suchen bei Poincaré und Einstein); und 4. ein einige in der “Vorrede” angedeutet umherschwirrende Gedanken etwas konkretisierer “Prolog” mit dem Titel “Sehen”:

Hierin: Der Mensch als Sehender des Universums. Der sich zuerst als über der Natur stehendes Auge begreift, das sie, die Natur, objektiv ordnen kann; der sich im Begreifen der Natur dann seiner eigenen Abhängigkeit, also vor allem auch der Abhängigkeit seines Seh-Apparats, von dieser Natur bewusst wird; der solcherart bedrängt aber nicht zurückweicht, sondern stattdessen Wirklichkeits-reflexiv zu Aussichtsstellen findet, wo seine von der Natur gerichtete Perspektive sich geometrisch mit den Linien der Logik des Universums in einer Tiefe überschneidet, wie man sie bei keinem vormenschlichen Tier findet, vermittels Veranlagung zu Begriffen von Raum, Zeit, Zahl, Proportion, Qualität, Bewegung und Organismus (Organisation? Verknüpftheit?); dies dann wohl ein Triumph der kosmisch-natürlichen Evolution von Intelligenz, quasi das Erwachsen eines Selbstreflektierens, eines Bewusstwerdens [der Gesetzmäßigkeiten] des Universums; die Zielvorgabe für das Buch, diese Entwicklungslogik zu skizzieren, zurückblickend die Intelligenz Mensch herzuleiten, von der Kosmogenese zur Anthropogonese, und vorausblickend ihre Weiterentwicklung zu denken; überhaupt den Fokus der Physik vom bloßen Atom auf die Form und die Regel Intelligenz/Geist zu erweitern. Dem Mensch gibt er hierbei die Titelrolle seines Buches: “Der Mensch ist nicht, wie er so lange geglaubt hat, fester Weltmittelpunkt, sondern Achse und Spitze der Entwicklung — und das ist viel schöner.”

Kommentare [2]   Tuesday April 28, 2009

Stand der Debatte

Stand der Debatte zum Internet in Deutschland, ein Beispiel aus dem Radio (hier die direkte Stelle):

Interviewerin: “Viele Kritiker halten ihnen jetzt entgegen, dass jeder, der sich halbwegs mit ‘nem Computer auskennt, ganz leicht diese Sperre umgehen kann.”

Familienministerin Ursula von der Leyen: “Naja, wir wissen, dass bei den vielen Kunden, die es gibt, rund 80% die ganz normalen User des Internet sind. Und jeder der jetzt zuhört, kann eigentlich sich selber fragen: Wen kenne ich?, wer Sperren im Internet aktiv umgehen kann? Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20%. Die sind zum Teil Schwer-Pädokriminelle. Die bewegen sich in ganz anderen Foren. Die sind versierte, äh, Internetnutzer, natürlich auch geschult im Laufe der Jahre in diesem widerwärtigen Geschäft.”

(Würde mir ja zur Kontextfindung das volle Interview mit #zensursula anhören, aber ich krieg leider Wutanfälle, wenn ich sie länger reden höre. Und das wollen wir ja nun auch nicht.)

Ein paar lesenswerte Gegen-Texte:

Kommentare [2]   Sunday April 26, 2009

Was auf dem PolitCamp09 machen?

Seit das Internet Mainstream wurde, hat sich die Moderne binnen anderthalb Jahrzehnten in ungeheuerlichem Maße verwandelt und erweitert. Die globale Verschaltung von allem mit allem, die Explosion von Kommmunikation/Austausch, die Entstehung neuer sozialer Intelligenzen, die Eröffnungen von Freiheiten ganzer neuer Größenordnungen — das alles schüttelt die Gesellschaft ordentlich durch, und dabei stehen wir erst ganz am Anfang der Entfaltung dieser Potentiale. Die traditionellen politischen Strukturen, wie sie in den vorhergehenden Jahrhunderten erwachsen sind, kommen kaum nach. Ihnen entgleitet die Kontrolle über Zusammenhänge, die früher nur in Abhängigkeit von ihnen denkbar waren und die sich nun ganz unbeeindruckt von ihnen verselbständigen und reorganisieren. Am Deutlichsten erfahren wir das schon jetzt in der Erosion klassischer Mediensstrukturen: Eine neue Öffentlichkeit entsteht und entzieht der alten die Privilegien und Knappheiten, mit der letztere wirtschaftete. Gejauchze wie Gejammere sind groß. Die alte Politik kann die Eigendynamiken kaum steuern, hinkt nur verknöchert-tattrig reagierend hinterher. An Tagen wie dem heutigen, wo Deutschland den Versuch einer Internetzensurinfrastruktur startet und Schweden junge Leute zu Gefängnis und Millionen-Euro-Strafen verurteilt, weil sie die Freiheiten des Netzes mit größter Respektlosigkeit gegenüber den Flaschenhälsen der Alten an jedermann weitervermitteln, spürt man die begründete Panik vor Kontrollverlust, die das Netz in der Politik auslöst. Aber die neuen Freiheiten sind zu stark, bündeln bereits zu viel an Menschen, Intelligenz, Maschinerie, um vom alten Hausmeister Politik noch nachhaltig unter Kontrolle gebracht werden zu können. Im “big picture” ist die Welle unaufhaltsam und wird alle ertränken, die sie ignorieren oder wegreden wollen. Also warum sich Sorgen machen? Warum sich als optimistischer Futurist überhaupt noch um den Komplex “Politik” scheren?

Weil es nicht nur um das abstrakte Große Ganze geht, sondern um konkrete Menschen, deren Leben noch immer im Hier und Jetzt stattfindet. Weil Unvorbereitetsein im Einzelnen immer noch viel Blut und Leid bedeuten kann. Weil neue Freiheiten so schnell als möglich allen zustehen sollten und nicht nur einer Elite. Weil zu zögerlich besiegte Mächte gerade im Todeskampf nochmal besonders viel Schaden anrichten können. Weil ein Vertrösten auf das Morgen unlauter ist gegenüber denen, die nur das Heute haben. Weil kein Prophet, nicht mal Ray Kurzweil, die Zukunft gepachtet hat.

Und deshalb bündeln trotz all meinem abgehobenen Zukunftsoptimismus so profane Dinge wie die Anti-Internet-Kinderporno-Hysterie meine Aufmerksamkeit. Und deshalb feiere ich trotzdem noch trotz all ihrer angeblichen charakterlichen Pubertät ThePirateBay oder WikiLeaks als große Helden. Und deshalb rege ich mich trotzdem noch auf, wenn meine Regierung unter Zukunfts-orientierter Wirtschaftsförderungspolitik den Bau von mehr Straßen und die Abwrackprämie versteht. Wenn das Internet als zu regulierender Rundfunk behandelt wird und Informationsfreiheit als relatives Gut gegenüber der absoluten Selbstherrlichkeit der Beamten-Bürokratie. Wenn Bildung noch immer als obsolete Kinder-quälende Paukeranstalt manifestiert und Kontrolle durch staatliche Behörden als Bedingung jeden kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs verstanden wird. Wenn daran gearbeitet wird, geographische Staatsgrenzen dem Cyberspace aufzuzwängen. Wenn versucht wird, neue Freiheiten durch künstliche Verknappung einzudämmen, um veraltete Geschäftsmodelle zu erhalten. Wenn das Sozialsystem gesellschaftliche Teilhabe nur vergibt gegen die demütige Bereitschaft, sich ans Gestern zu verkaufen.

Am 2./3. Mai gehe ich auf das PolitCamp09, der Versuch eines Politik-BarCamps. Ich überlege, dort eine Session zu machen: Zu erklären versuchen, warum eine Politik gegen das Netz eine falsche ist. Die Freiheiten konsequent durch-zu-artikulieren, die das Netz schafft und deren Förderung statt Behinderung eine Politik als zukunftsfähig identifizieren würde. Was die Netz-verschuldete Auflösung der Flaschenhälse und Gefäße, in die Politik ihren Verwaltungsgegenstand Gesellschaft bisher gegossen hat, konsequent zuende gedacht heißen muss. Wie die unvermeidlichen Erschütterungen bisheriger Normen fürs Wohl der Menschen produktiv gemacht werden sollten, statt sie im Glauben an längst ausgehöhlte vergangene Sicherheiten vergeblich wegzugesetzeln versuchen. Um welche Punkte ein Menschen- und Bürgerrechtekatalog im digitalen Zeitalter erweitert gehört. Solcherlei würde ich bei einer solchen Gelegenheit gerne sammeln und diskutieren.

Gäb’s da Interesse?

Kommentare [3]   Friday April 17, 2009

Mittelalter, Fortschritt, Nachhaltigkeit II

So, bald einen Monat nach meiner letzten Teilnahme an dieser aufregenden, aber auch arbeitserfordernden Diskussion (Kommentare lesen!) schalt ich mich mal wieder ein :-)

@Aleks:

1. Du verstehst sicherlich mehr von Kosmologie als ich, insofern will ich deinem Schluss hier auch nicht widersprechen, dass aus einer extrem langfristigen Perspektive heraus gesehen eh alles für die Katz sein mag. Allerdings verorte ich dieses “eh für die Katz” noch immer als ziemlich weit entfernt, jedenfalls als weit entfernt genug für eine ganze Menge noch übrigen weiteren Entwicklungs-Spielraum für die menschliche Zivilisation. Und warum den nicht auskundschaften?

2. Dass wir uns in einem solchen Prozess verändern und am Ende nicht mehr eine 1:1-Kopie unserer Wurzeln sein mögen, sei’s drum. Ich bin heute auch nicht derselbe, der ich vor zehn Jahren war. Ich bin aber immer noch eher derjenige, der ich vor zehn Jahren war, als dass ich ein einige Jahrmilliarden zurückliegender biologischer Vorfahre wäre. Ich bin auch eine Bewusstseinskontinuität, die sich an näher zurückliegende Erfahrungen oder Intelligenzprozesse mehr Identitäts-mäßig bindet als an weiter zurückliegende. Dasselbe würde dann auch für ein von dir postuliertes posthumanes Weiterentwicklungsstadium gelten.

3. Ich möchte aber gerade ein Sich-weiter-entwickeln-Wollen als ein wesentliches Identitätsmerkmal des Menschen behaupten. Insofern wäre eine auch qualitätsmäßige Entfernung unserer Nachfahren von uns nichts, was uns aus heutiger Perspektive von einer solchen Zukunft entfremden müsste, wenn sie denn zumindest ihren Ursprung in einem uns schon heute eigenen Streben nach (moralischer, mystischer, intellektueller, technischer, was auch immer) Selbstverbesserung trägt. Ob solche Zukünfte sich in uns wiedererkennen würden, kann uns heute eigentlich egal sein, solange zumindest umgekehrt wir uns durch eine solche Logik in ihnen wiederzuerkennen fähig wären.

4. Vielleicht ist ein solches Sich-weiter-Entwickeln im Sinne einer konstanten Veränderung gerade auch der Bezugssysteme langfristig ein besseres Maß als eine von 1 bis 100 reichende Fortschrittsskala nach einem Begriff wie psychologischem Wohlbefinden, Wohlstand oder Intelligenz. Es existiert auf diesem Planeten ja erst seit recht kurzer Zeit überhaupt so etwas wie ein Bewusstsein, das fähig ist, derartige Werte zu würdigen und derlei Maßstäbe auszuhecken. Ich spüre in mir ein Begehren nach Wohlbefinden, Erforschung meiner Umwelt und dem Sammeln einer großen Vielfalt und Intensität von Erfahrungen. Ist die Frage, inwieweit sich das auf die Perspektiven meiner Mitmenschen als Inventar angestrebter Werte verallgemeinern lässt, an dessen Ermöglichung sich so etwas wie eine Fortschrittsskala messen lassen könnte.

5. Aber gerade für solche Werte sehe ich in der Maschinerie Technologie-Wissenschaft (die durch Medizin und Versorgungswirtschaft die Bedingungen unseres körperlich/sinnlichen Wohlbefindens maximiert; unseren Intelligenz-Apparat durch Methodik und Intelligenz-Prothesen wie den Computer und das Internet expandiert; und uns durch Vergrößerung unseres Erkundungsumfelds und durch Verlängerung unserer Erkundungszeit und durch biotechnische Erweiterung unseres Erkundungsapparates den Erfahrungsraum vergrößert) gegenwärtig einen viel befähigteren Ermöglicher als etwa in Religion, deren Apparat oft primär darauf ausgelegt zu sein scheint, eine bestimmte enge, unflexible Erzählung zu stabilisieren durch Ausschaltung von Neugier/Skepsis und auf Kosten von Handlungs-/Erfahrungsspielraum.

6. Und dass es nach solchen obigen Werten heute den Menschen schlechter gehen soll als früher, das sehe ich jedenfalls nicht. Eine solche Perspektive kann meines Erachtens nur aus einer Überromantisierung der Vergangenheit herrühren.

@Ruben:

1. In gewissen Punkten schaffst du es tatsächlich, meine Perspektive des Geisteslebens im Mittelalters zu verschieben. Vielleicht gab es tatsächlich (womöglich gerade durch den Druck bestimmter geistiger Unfreiheiten) produktive geistige Radikalitäten, die ich bisher nicht ausreichend gewürdigt habe. Evtl. werde ich deiner Flasch-Buchempfehlung nachkommen. Ich möchte aber auch weiterhin daran erinnern, dass es mir gar nicht so sehr um Abwertung des Geisteslebens im Spätmittelalter geht, sondern mehr um die Jahrhunderte davor, direkt ab der Christianisierung Roms. Das schrumpft etwas die handliche Tausend-Jahre-Periode zusammen, die ich postulierte, aber nicht sehr. Sämtliche von dir genannten Denker liegen jedenfalls erst am Ende oder nach dieser Periode. Das verträgt sich durchaus mit der These einer viele Jahrhunderte dauernden geistigen Dunkelheit — irgendwo muss der Ausbruch ja starten, hundert Jahre mehr oder weniger fressen da den Kuchen auch nicht weg.

2. Wir können mangels Zeitmaschine eine uns ferne Periode gar nicht aus sich selbst heraus verstehen. Wir können nur versuchen, uns durch Quellenstudium in sie hineinzutasten, wobei wir eine Vorformung durch unsere eigene Welt nie ganz abschütteln werden können: Denn sonst würde uns die Kommunikationsgrundlage fehlen, irgendetwas, was wir über diese frühere Periode herausgefunden zu haben glauben, in unsere heutige Sprache zu übersetzen. Jede Betrachtung einer früheren Periode ist also bestenfalls eine Art “diff” mit unserer heutigen. Dass ein solches Diff nach einem reinen ‘war besser’ bzw. ‘war schlechter’ durchzuführen wenig ergiebig wäre, da stimme ich dir gerne zu. Aber letztlich können wir nur nach Quantität und Qualität Vergleiche anstellen, Dinge vom Damals zum Heute kalt mit Plus oder Minus quantifizieren und strukturelle Verschiedenheiten aufzeigen und auch die logische Eleganz eines mittelalterichen Systems nur erfassen oder behaupten, soweit sie von einer Logik erfasst werden kann, die uns heute zur Verfügung steht. Geschichte/Vergangenheit ist immer vor allem auch eine Erfindung aus der Gegenwart.

3. Als ich vorhin aus dem Fenster geschaut habe, war der Planet noch da. Und wahrscheinlich hat sich bisher keine Zivilisation in der Menschheitsgeschichte so sehr bemüht, die Bedingungen ökologischer Nachhaltigkeit zu verstehen und zu engineeren wie die heutige. Die Selbstschrottung diverser vormoderner Zivilisation von den Osterinseln bis zu diversen Kulturen der amerikanischen Ureinwohner zeigt, wie super ‘nachhaltig’ man ohne Aufklärung wirtschaften kann.

4. Erforschung auch unveränderlicher kosmischer Grundgesetze (aber auch deren Unveränderlichkeit muss irgendeiner Falsifizierbarkeit unterliegen; stelle ich morgen fest, dass nach dem Hinlegen von zwei Äpfeln neben zwei weitere Äpfel fünf Äpfel daliegen, muss ich vielleicht die Grundlagen meiner Mathematik in Frage stellen) betreibt man für Erkenntnisgewinn. Auch das ist schon Fortschritt und, ja, Veränderung des Ist-Zustands. Und dieses Streben nach Erkenntnisgewinn dürfte gerade auch im religiösen Zusammenhang durchaus ein Projekt der Selbstverbesserung (Veredelung / Purifizierung des Geistes, whatever) sein. Und damit alles Andere als zweckfrei. Ein egoistisches Projekt des Menschen: sei es nun, um Produktions-/Umweltausbeutungsprozesse zu optimieren oder aber um dem Himmel oder irgendeinem Geistesideal näher zu kommen oder ganz profan, Neugier zu befriedigen. Es fällt mir schwer, Zwecklosigkeit zu sehen, wo Handeln ist: Handeln, das in den Genen liegt, mag noch am Ehesten dieses Kriterium erfüllen, weil zweckafte Zuspitzung in der Evolution nur etwas (oft aber für den Erkenntnisgewinn sehr hilfreich) Hineininterpretiertes ist; aber sobald das Handeln der menschlichen Intelligenz entspringt, und das schließt das Denken selbst ein, dürfte es sich schwer von irgendeiner Intentionalität oder wenigstens einem Befriedigungsdruck entkoppeln lassen.

5. Die “tolerante Antike”? Ja, doch, im Mindesten in Sachen Religion. Rom war in Sachen Religion sehr integrativ: Man interessierte sich sehr für die Götter der Anderen und versuchte sie nach Möglichkeit mit dem eigenen Pantheon zu verschalten. Intolerant wurde man erst gegenüber Religionen mit Alleinvertretungsanspruch, soweit sie sich gegen diesen Pluralismus und das Imperium richteten. Offene wie geschlossene Kulte aus allen Ecken und Enden wurden in der vorchristlichen römischen Gesellschaft, in der Armee usw. geduldet, und auch den Juden überließ man die Selbstverwaltung in solchen Dingen. Aber eine von diesen sich abspaltende Sekte von sich Christen nennenden Weltuntergangspredigern, die die Werte Roms lautstark verdammten und sich gerne fanatisiert mit Märtyrertoden dagegen warfen, vielleicht vergleichbar heutigen islamistischen Selbstmordattentätern, nun, die riefen irgendwann (sich dann auch verselbständigendes) Misstrauen hervor, ja, durchaus. Und jetzt würde mich noch die von dir angerissene Geschichte der Zerstörung von Philosophenschulen und Bibliotheken-Abfackelkreuzzüge durch das vorchristliche Rom interessieren …

Kommentare [42]   Monday April 13, 2009

re:publica'09 #19: Ausklang, Party

Tag 3, Abend

Noch mehr vom Programm gebe ich mir nicht, zu viele Verabschiedungen sind vorzunehmen, zum Beispiel von #heimkino-Genossen, die ich seit vielen Jahren kenne, auf der re:publica aber zum ersten Mal Angesicht zu Angesicht gesehen habe.

Dann geht’s mit Bausteln-Gepäck (Botanifon, die twitternde Pflanze!) usw. zum Abschiedsparty-Freibier im newthinking store. Dort viele spannende Gespräche. Klowarteschlangenauseinandersetzung über das Vorlassen von Frauen: Als ich einer hinter mir Stehenden das meines Erachtens genderproblematische Galanterie-Sonderrecht des Vorgelassenwerdens in der Schlange verweigere, wird sie von Vor-mir-Stehenden vorgelassen (was mich ohne meine Zustimmung genauso in Schlangenpositions-Nachteil setzt wie wenn ich sie selbst vorgelassen hätte), was ich zum Anlass folgender Erörterung nehme: Wenn es nur ein Klo gibt und eine lange Schlange, wäre eine allgemeine Frauen-vor-Männer-Policy verheerend, da sie bereits ab einer niedrigen Mindestmenge Frauenanteil bedeuten würde, dass keiner der Männer in der Schlange je aufs Klo gelangen würde. (Denkbar stattdessen evtl.: geschlechtsunabhängige Vorlass-Arithmetik als Ergebnis objektiver Blasendruckmessung.)

Dann setzt ein Tross Richtung Sascha Lobos diesjähriger, sicherlich wie letztes Jahr großartiger Follower-bzw.-@SPIEGEL_EIL-Unfollowerparty ein, dem ich mich anschließe. Teil der Bewegung ist aber ein vorheriger Besuch bei einem Thailänder. Ich bestelle mir Curry-Huhn, aber dieses exotische Gericht braucht von allen bestellten Gerichten am Längsten in der Küche und wird mir erst gestellt, als fast alle Anderen mit Essen fertig sind. Schmecken tut’s dann auch eher underwhelming. Dann geht’s Richtung Sascha-Lobo-Wohnung.

Der äußerst großzügige Sascha Lobo hat sich diesjahr wieder selbst übertroffen, indem er scheinbar extra für die Party für jeden seiner vielen Räume einen schicken Flachbildfernseher zur Twitterbewallung angeschafft hat. Party voller angenehmer Menschen. Habe die Ehre, mit 4chan-Gründer moot über Internet-Meme zu philosophieren, und versorge @johannes_mono mit Weihwasser. In einem Raum passiert irgendwas Mysteriöses, das den Zutritt verwehrt. Leider ist das der Raum, in dem ich meine Sachen abgestellt habe, aber geschickte Ausnutzung moderner Kommunikationsinfrastruktur (auch in jenem Raum hängt schließlich eine Twitterwall, und ich kann ja Sachen in Twitter und somit auch diesen Raum reinschreiben! hach! toll!) behebt diese Problematik. Gegen Ende, und nachdem ich zu benommen bin, um Saschas Bitte nach Teilnahme am Herauftragen neuer Biervorräte positiv zu beantworten, bin ich dann kaum noch zurechnungsfähig und verabschiede mich also.

Kommentare [1]   Saturday April 11, 2009

re:publica'09 #18: Interview, Pornographie

Tag 3, ca. 15.00 Uhr

Als Nächstes steht auf meinem Terminkalender nämlich, jawoll, wieder ein Interview! Und zwar das Aufregendste bis jetzt auf dieser re:publica, nämlich mit Mario Sixtus, dem Elektrischen Reporter, der mich über Internet-Meme ausfragen möchte und zu diesem Zweck in ein nahegelegenes Universitätsodersowas-Gebäude entführt. Als ich zurückkomme, ist es bereits etwas später geworden und der Innenhof füllt sich Richtung Blauer Saal in Form der Warteschlange auf einen Vortrag zur Futurismus-Kulturgeschichte des Pornofilms von Tina Lorenz.

Völlig unbegreiflicherweise ergattere ich in jenem tatsächlich noch einen kleinen Stehplatz am Ende des Raums, juchhu! Tina fängt mit Stummfilmpornographie an, arbeitet sich von dort zu Nudisten-Mondkolonie-Sexploitation von Doris Wishman vor, zu Pseudo-Camp aus den 70ern mit Dildo-Raumschiffen (“Flesh Gordon”), dystopisch-postapokalyptischer Arthaus-Pornographie aus den 80ern (“Cafe Flesh”), ausstattungs-/spezialeffekttechnisch bereits aufwendiger SciFi-Genre-Nachbildungs-Pornographie zu “Star Wars” und stylish-merkwürdigem asiatischem SciFi-Porno-Arthaus.

Mich stört einzig, dass Tina ihren Redeteil zugunsten des Zeigens möglichst vieler unterhaltsamer (alles in allem bedauerlicherweise jugendfreier) Clips etwas kurz hält, denn sie hat eigentlich viel Informiertes und Analytisches zu sagen. Das wird etwas deutlicher nach Abschluss ihrer Präsentation, zur Publikums-Fragerunde, als aus dem Ping Pong verschiedener Köpfe im Saal Erörterungen über die Videokultur von YouPorn (primär Werbematerial für professionelle Pornographie statt User-generated content?) und die Bedeutung des Web 2.0 für die Porno-Industrie bis hin zur Bedeutung des ‘männlichen Blicks’ nicht allein im Pornofilm, sondern im Mainstream-Kino allgemein werden.

  Saturday April 11, 2009

« Ältere Artikel