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Die Weltrevolution, das ist das Neudenken der analogen Welt unter den Bedingungen der digitalen.

"Die Weltrevolution sehe ich deswegen nicht gekommen nur weil man eigentlich gratis Ferngespräche führen kann", sagt Johannes Grenzfurthner im Netzpolitik-Interview. Er beantwortet so eine Frage nach den Potentialen des Web 2.0 mit einem Rückbezug auf eine Prophezeihung von Arthur C. Clarke: "Der hat ja schon Anfang der 60er Jahre gesagt: Die große Weltrevolution wird dann eintreten, wenn's keine 'long distance communication' mehr gibt, also wenn die 'long distance'-Gebühren abgeschafft werden."

Wenn jeder jederzeit mit jedem kommunizieren kann, unabhängig von der Position, und über das Clarke-Zitat hinaus gedacht, unabhängig von der physischen Position auf dem Planeten wie von der hierarchischen -- denn diese Utopie einer flachen Hierarchie für alle trägt das Web 2.0 ja in sich, wo jeder Produzent und Star und Stimme und damit auf Augenhöhe mit Hollywoodstudio, Stephen King und Experte sei--, wenn diese Anordnung sich befriedigt findet, ist das dann die Weltrevolution?

Nein, wahrscheinlich nicht. Wir haben uns jetzt so einige Jahre am Glauben an die Revolution der Kommunikation berauscht, die Gatekeeper/Torwächter niedergerissen, die Graswurzeln gegossen, den Credentialismus entkrustet, den Weltgeist verschaltet, neue Modi kultureller Arbeit geschaffen, und all das war auch höchste Zeit. Aber so lange wir noch kohlenstoffbasierte Fleischtaschen sind, sind wir Gefangene von Bedingungen, die sich mit bloßen Informationssignalen nicht befriedigen lassen. Wir müssen atmen, essen, trinken, wir brauchen Schutz vor physischen Angriffen der Umwelt (Kleidung, Dach), wir haben bewegliche Organe, die wehklagen, wenn sie nicht bewegt werden, wir unterliegen geistig wie körperlich der spielerischen Gleichgültigkeit der biologischen Evolution. Diese Bedingungen lassen sich letzten Endes nur durch physikalische Produktion, nicht durch digitale Kommunikation allein angreifen.

Das lässt sich auch ganz profan beschreiben: Ich kann in den neuen Kommunikationsanordnungen Grandioses digital schaffen und verbreiten, aber so lange ich dieses digitale Schaffen und Verbreiten nicht in Nahrung, Kleidung und Dach überm Kopf transformieren kann, gehe ich dennoch elendig zugrunde. Dieser Transformationsprozess ist die Analog-Digital- bzw. Digital-Analog-Ökonomie. Sie wirkt in postindustriellen Gesellschaften meistens schon recht weit fortgeschritten, ist aber, wenn man genau hinschaut, oft immer noch fade Reproduktion von Konkurrenzdruck und -kampf um knappe Ressourcen vergangener Jahrhunderte. Die Freiheit des Digitalen mag für sich unendlich sein, in der Praxis endet sie aber an dem Punkt, an dem der digitale Geist sein freies Streifen und Schaffen in die Form eines Greifarms zum Aufsammeln der so lebensnotwendigen wie begrenzten Antriebsstoffe aus der Kohlenstoffwelt zwingen muss.

Und das ist ein unhaltbarer Anachronismus. Über Jahrtausende haben wir vom Sammeln und Jagen unserer Treibstoffe übers Anbauen und Züchten derselben bis zu ihrer industriellen Massenproduktion die Arbeitszeit, die im Durchschnitt pro Kopf auf Produktion der chemischen Treibstoffe des Kopfs entfällt, verringert, und so Zeit für Höheres freigemacht, ein Höheres, das derzeit im Web 2.0 gipfelt, der augenblicklich großartigsten Bündelung menschlicher Kultur seit je. Zugleich noch immer vor der Knappheit natürlicher Ressourcen auf diesem viel zu kleinen Stein im Sonnensystem, auf dem wir leben, buckeln zu müssen, ist der Schöpfer des Web 2.0 unwürdig. Hier zeichnet sich binnen weniger Jahre eine so tiefgreifende Neugestaltung menschlicher Kultur ab, die nur noch von den Wirtschaftsstrukturen der Kohlenstoffwelt zurückgehalten wird, dass man sagen kann: Nicht die moralische Entwicklung hinkt der technischen hinterher, wie es viele Fortschrittskritiker oftmals anmahnen, sondern umgekehrt, die technische hinkt der moralischen hinterher.

Es wird Zeit, dass wir das Pflänzchen der Freiheit, das wir uns im Digitalen geschaffen haben, das wir gegossen haben, das wir wachsen sahen, das inzwischen zu unfassbaren Proportionen angewachsen ist, wo wir uns Welten nach unserem Bilde und unseren Wünschen schaffen, wo wir informationstechnische Maschinen heranziehen, die das Universum verschlucken könnten, wenn sie physisch wären, wo memetische Evolution binnen Minuten das Äquivalent zu biologischer Evolution mehrerer Milliarden Jahre erzeugt ... Es wird Zeit, dass wir dieses Monster, das wir herangezüchtet haben, auf den Frankenstein, der uns und damit indirekt auch es erschaffen hat, auf die Natur loslassen und sie der digitalen Allmacht unterwerfen, sie nach den Bedingungen der Digitalität, die alles möglich macht, neu gestalten, anstatt uns weiter von ihr in unseren Potentialen zurückhalten zu lassen.

Das heißt konkret: Verwandeln wir die Kohlenstoff-Welt in eine Anordnung von Informationen, die sich informationstechnisch bearbeiten lassen wie Einsen und Nullen. Der Gencode ist Spaghetti-Programmierercode, den wir bioinformatisch entwirren, und dann kompilieren wir die Biologie einfach neu.

Das heißt konkret: Machen wir die Atomwolken um uns herum so customizable wie Second Life. Molekulare Nanotechnologie ist just around the corner und gestattet die Schaffung jeder physikalisch denkbaren Struktur, ob klein oder groß.

Das heißt konkret: Verschalten wir jedes physische Objekt mit jedem physischen Objekt, Ubiquitous Computing, kommunizieren wir mit dem Stein und dem Baum und dem Buch und der Wolke und der Mücke, die uns nervt. Im Garten spielen ist online sein, denn der Garten ist morgen so sehr das Internet wie heute der bereits veraltende Desktop-Computer.

Das heißt konkret: Abschied von zentraler Planung und Top-Down-Hierarchie, ein DNA-Engineering-Biotech-Baukasten in jedem Kinderzimmer ist die Open-Source-Emergenzanordnung der Zukunft. Sagt auch Freeman Dyson.

Das heißt konkret: Ein 3d-Drucker in jeder Küche und jeder Garage macht Massenproduktion und -distribution, Wirtschaften nach bisherigen Formen des Kapitalismus überhaupt, obsolet. Das heutige Jammern von Musik- und Filmindustrie wird ein Engelsseufzer sein gegen das morgige Verzweiflungstoben aller bisherigen materiell herstellenden Industrien.

Das heißt konkret: Die Fleischtasche ist nur noch ein Avatar unter vielen, durch die Auflösung der physischen Welt in die Digitalität wird sie austauschbar mit jeder virtuellen. Da zu sein heißt gleichermaßen, seine Fleischtasche hinzuschicken, eine repräsentative Drohne oder nur eine Voxelanordnung. Wenn die informationstechnische Bewegung die Bewegung der Atome bestimmt, wird die Eroberung des Weltraums zum Klacks.

So, das war erstmal genug Motivationsrede für heute.

Monday April 28, 2008

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Kommentare

  1. Robert / 28. April 2008, 16:26 Uhr

    Was für eine Motivationsrede, wäre ich Gott hätte ich jetzt Lust die Welt einmal zu recyceln.
    Aber ist die depressive Lage der Analog-Digital- bzw. Digital-Analog-Ökonomie wirklich Grund genug, um deshalb gleich die ganze Welt umgestalten zu müssen? Reicht es nicht sich aktiv für eine Kundenaquirierung in der Analog-Welt einzusetzen (z.B. Web 2.0 anstatt Microsoft in der Schule), so dass der Binnenmarkt der Digital-Welt mehr Mitbewerbern ein analoges Auskommen (Dach, Essen, Kleidung, Kultur, Bildung) bieten kann? Brauch es das Grundeinkommen, wenn man den Hartz-IV-Bereich (inkl. digitalem Proletariat) mit Hilfe der digitalen Werkzeuge in einen Markt für (Social-)Entrepreneurship verwandeln kann? Braucht es eine so große Revolution, wenn auch eine philantropische Evolution reichen würde?

  2. Benni Bärmann / 28. April 2008, 21:32 Uhr

    Mir graut vor der Boot-Sequenz des Gartens. “Sie haben so eben einen Apfelbaum installiert. Bitte starten sie Garden 42 neu um ihn verwenden zu können.” oder auch “Ihre Zaun-Instalation ist nicht mehr aktuell. Ihr Garten ist potentiell unsicher…” oder gar einen großen leuchtenden Penis anstatt eines Apfelbaums, der für irgendeinen Viagra-Nachfolger Werbung macht… ohje, ich hör lieber auf… mehr dann bitte hier: http://aymargeddon.de/laboratorium/index.php/10_Jahre

  3. Torsten / 29. April 2008, 09:13 Uhr

    Ein Gegenentwurf:

    The Internet wasn’t built to transport video, or interconnect all networks automatically. HTTP is stateless for a very good reason, and we broke that. The internet was about information sharing, not for Youtube. Eventually people will get bored, I think 4chan is a good example. The net will become a place for frustration, people will drop it and it will be handed over to the geeks again.

    http://www.0×000000.com/index.php?i=554

  4. Christian / 29. April 2008, 12:43 Uhr

    @Benni: Besonders gefällt mir die Gesichtslizenz.

    @Torsten: Ein Wunschtraum der alten Elite nach der Rückkehr der guten alten Zeit, da die Schaffung der Kultur des Netzes dem Netz-Adel vorbehalten war und nicht den Neuen Massen ™. Gott hat die Welt für die und die Herrschaftsform geschaffen, der neue Mob wird kollabieren und dann haben wir wieder den Kaiser Wilhelm, die alte Ordnung, wie es sich gehört!

  5. erik / 29. April 2008, 14:14 Uhr

    Also mir gefällt ja die Idee mit dem variablen Fleischavatar am besten. Die und die Möglichkeit, mittels Gentechnik Nahrung zu züchten.

    Dazu habe ich mich neulich mal aus dem Fenster gelehnt und einigen Freunden von geschwärmt. Wie das so wäre, jede denkbare Form einfach zu “kompilieren”. Da gab es eine bemerkenswert nervige Gesprächsteilnehmerin, die mich bald nicht mehr zu Wort kommen lies. Sie meinte zunächst, das alles wäre nie möglich (Also sie fragte mich, wie ich das denn anstellen wollte, ein Steak einfach so zu züchten, woraufhin ich sie fragte, wie ein Flugzeug fliegen könne. Es stellte sich heraus, dass sie es auch nicht erklären konnte.). Dann plapperte sie einfach weiter und meinte die ganze Zeit nur noch, dass wir uns gar keine Gedanken um die Folgen machten, alle Forschung sei zu oberflächlich, keiner wüsste, was nachhaltig dabei herauskäme. “Also weißt du, da werden ein Paar Gründe angeführt, um es (die Gentechnik) irgendwie mennschlicher erscheinen zu lassen, dabei gehts nur ums Geld.” (sinngemäß als Antwort auf mein Argument des therapeutischen Klonens) Wir sollten uns besser mehr auf uns selbst besinnen. Erkennen, was das Wesen des Menschen wirklich ist und so. Die Technik ginge viel zu weit, während wir uns noch nicht mal über unsere Mennschlichkeit im Klaren wären.

    Aha!

    Zusammenfassend kann ich sagen: sie wusste nichts, ignorierte alle Möglichkeiten und sprach nur von vagen Befürchtungen. Leider vertrat sie diesen Standpunkt sehr energisch. In meiner Absicht einer sokratischen Gesprächsführung gelang es mir zwar nicht, sie zur Selbstreflexion zu bringen aber immerhin ihr Unwissen bloszustellen.

    Der Punkt in deinem Text Christian, mit der technischen Entwicklung, die der moralischen Entwicklung in der Erscheinung des web 2.0 hinterherhinkt, ist für mich ein neuer Gedanke (und gleichzeitig so trivial). Finde ich gut.

    Im Grunde zeigen diese beiden Gegensätze, die nervige Unwissende und dieser Weblog, so ein bischen den Unterschied zwischen alt und neu:
    Alt: Menschen, die irgendwie noch glauben, es gäbe eine Art tieferen Sinn oder etwas spirituelles, eine “Seele”, hinter den Dingen, der mit Forschung nicht beizukommen ist.
    Neu: Der Mensch begreift sich selbst als produzierbares, teilbares, haltbares, unbeseeltes Konstrukt.

  6. Peter / 29. April 2008, 17:02 Uhr

    Zu Ende gedacht macht es doch überhaupt keinen Sinn mehr, die Atome des Gartens zu modellieren oder den Fleichtaschen-Avatar zu erhalten. Da ich – als Nanowolke – ja wahlweise im Internet/Virtuellen Raum/nenne-man-es-wie-man-wolle oder in der Tasche oder in beidem gleichzeitig bin und die Gestaltung meines Gartens virtuell oder real exakt das gleiche ist (nur das ich real tatsächlich Atome rumschieben muss, was Energie und Zeit kostet und tatsächlich zu exakt dem gleichen Ergebnis führt), kann ich letzteres ja auch lassen.
    Interessant werden dann ja auch die Wandlung der Moral und die neue Probleme der Rechtssprechung. Was ist, wenn mir jemand meine Fleischtasche erschießt? Sachbeschädigung? Körperverletzung? Was, wenn jemand meine zentrales virtuelles Ich so zerstört, dass ich auf ein Backup zurückgreifen muss, was aber zwei Monate alt ist (da ich auch als Nano-Wolke ein Schlamper bin) und ich meine neue Freundin nicht mehr kenne? Personality-Hacking wird auch interessant. Sie steht nicht auf mich, also hacke ich Sie und baue Ihr Gehirn entsprechend um.
    Das wird alles sehr spannend.

    Voller Vorfreude,

    Peter

  7. erik / 29. April 2008, 18:48 Uhr

    @Peter: ich glaube, die Sache mit dem Virtuellen und dem Realen ist hier nicht nur das Gleiche, sondern das Selbe. Natürlich brauchen wir keine Virtuellen Realitäten mehr, wenn wir unsere Gegenwart real so leicht modellieren können, wie heute z.B. nur das Second Life. Zeit- und Energiekosten wären irrelevant, weil dezentralisiert und äquivalent zur reinen Virtualität von heute (meine ich).

    Aber anderer Punkt: Moral und Rechtsprechung ist echt interessant. Der Roman “Altered Carbon” (dt. “Das Unsterblichkeitsprogramm”) von Richard Morgan beschreibt eine Welt, in der der Mensch durch mind-upload (im Buch “re-sleeving”) vom biologischen Tod seines Körpers unabhängig wird. Die Mordkommission heißt dort nur noch Kommission für organische Defekte und behandelt Mord wie Sachbeschädigung. Im Roman selbst geht es zum Beispiel um einen Mordfall, in dem das Opfer nach dem “Re-Sleeving” einen Privatdetektiv anheuert. Da es nämlich selbst nur alle 48 Stunden gespeichert wird, hat es fast zwei Tage seines Lebens verloren und kann sich an die Tatnacht nicht erinnern.
    Auch angesprochen wird die Idee des doppelten “Sleevings”. D.h. wenn eine Person mehrere Kopien ihrer selbst zum Leben erweckt. Man stelle sich vor, mit sich selbst in zwei verschiedenen Körpern zu interagieren. Wie lange würde es wohl dauern, bis aus den Kopien zwei komplett unterschiedliche Menschen werden?

    Weiter gedacht könnte das sogar der Anfang einer echten memetischen Evolution sein. Man erinnere sich an die Replikatoren in der Ursuppe (R. Dawkins “The selfish Gene”). Ein Replikator ist erfolgreicher als alle anderen und breitet sich in der gesamten Suppe aus. Die Replikatoren, die sich durchgesetzt haben sind heute unsere Gene. Und die Gene aller bekannten Lebewesen (ob Pflanzen oder Tiere) stammen von einem einzigen Replikator ab (weil sie alle gleich aufgebaut sind). Man stelle sich jetzt vor, ein einziges Mem, z.B. ein Mensch verdrängt mit seinen Kopien alle anderen und beginnt den Prozess auf einer höheren Ebene von vorne.

    Da schmecke ich ganz plötzlich Blut, meine Damen und Herren.

  8. nexuslex / 06. May 2008, 05:32 Uhr

    Ich mag den Artikel sehr, weil die Alp- und die Träume darin aufblitzen. Mag am Frühling liegen, das er mich eher mehr mit meinem Fleisch versöhnlich stimmt. Und dann fällt mir auf, das ja noch nicht die ganze Welt zubetoniert ist und womöglich auch weniger totaltäre Konsequenzen drohen.( Ausser natürlich wenn die Uebers Cthulu ausbuddeln).
    Zum Anregen des glibbrigen Hirngewebes – das würd ich mir bisher nicht von Infineon nachbauen lassen – so fein wie Lyrik.
    Applaus von der Roboterfront.

  9. classless / 07. May 2008, 14:58 Uhr

    Reingefallen! “Knappheit natürlicher Ressourcen” heißt das Problem nur wenn Zeitungen bei ihrer Berichterstattung über den Hunger in der Welt nicht über den simplen Umstand reden mögen, daß jeder, der sich die durchaus vorhandenen und auch angebotenen Lebensmittel nicht leisten kann, hungern und womöglich verhungern muß.

    Auch das stimmt leider nicht: “Ein 3d-Drucker in jeder Küche und jeder Garage macht Massenproduktion und -distribution, Wirtschaften nach bisherigen Formen des Kapitalismus überhaupt, obsolet.” Der Trick am Kapitalismus besteht überhaupt nicht darin, wie konkret produziert wird, sondern in der Form der Aneignung. Sollte die Gesellschaftsordnung dieselbe bleiben, würde es konsequenterweise auch irgendwann Eigentumstitel auf Wellen und Quanten geben – diese soziale Praxis ist nicht technologisch determiniert!

    Es wäre alles so einfach, wenn es nur an den technischen Möglichkeiten läge, dann aber hätten schon das Radio und der Industrieroboter den Kommunismus herbeigeführt.

  10. Erik / 08. May 2008, 22:16 Uhr

    @classless

    Ich möchte mich sicher nicht über das Wesen des Kapitalismus streiten. Irgendwo bin ich ja ein Fan des Kapitalismus, aber trotzdem ein Laie, was Wirtschaft angeht.

    Ähm, zunächst ist dein Kommentar von Wertungen geziert und daher streckenweise polemisch (“Reingefallen!” oder “… stimmt LEIDER nicht …” und “Es wäre alles so einfach …”). Aber das prangere ich gar nicht an. Immerhin unterstreichst Du nur deine gesunde Skepsis. Und die ist eine gute Grundlage für einen Diskurs.

    Was entscheidender ist, ist dass Du im Grunde der Sache am Thema und an der Art, wie hier diskutiert wird, vorbeiargumentierst. Es geht Christian, meine ich, nicht darum zu erklären, was stimmt und was nicht. Wir sind uns hier alle der Tatsache bewusst, wie spekulativ die “Fakten” sind. Ob der “Trick” des Kapitalismus die Aneignung ist, sei dahingestellt. Aber gesetzt den Fall, ein 3d-Drucker stünde in jeder Küche, dann wären bisherige Formen des Kapitalismus überholt. Das ist eine Tautologie. Die heutige Industriegesellschaft würde abgelöst weil ja gerade die Aneignung der Produktionsmittel dann potentiell egalitär wäre.

    Mir ist natürlich klar, dass die Verteilung der 3d-Drucker und die Ressourcen, die zum Drucken benötigt werden, irgendwie trotzdem Top-down-kapitalistisch verteilt werden können. Aber dass sich die wirtschaftliche Praxis in der Gesellschaft als Folge dieser technischen Entwicklung verändert, ist zwangsläufig da die Formen der Produktion sowohl wie die Formen der Aneignung sich änderten.

    Dein Satz und Hauptargument (“Sollte die Gesellschaftsordnung … – diese soziale Praxis ist nicht technologisch determiniert”) ist logisch falsch. Du setzt implizit voraus, dass die technische Entwicklung die Gesellschaft nicht aus der bestehenden Ordnung (zum Bsp. weg vom Kapitalismus hin zum Kommunismus) führt, wie der letzte Abschnitt erklärt. Aber nur wenn diese deine Prämise stimmt, ist die soziale Praxis deiner Folgerung nach nicht technologisch determiniert. Ein Zirkelschluss par exelènce.

    Im Übrigen ist der Kommunismus keine wünschenswerte Gesellschaftsordnung, weil er eine instabile Strategie darstellt. D.h. er ist anfällig gegen Verrat/ Misbrauch und wird sich daher mit keiner vorstellbaren Mentalität dauerhaft etablieren lassen.

  11. classless / 09. May 2008, 11:37 Uhr

    “zunächst ist dein Kommentar von Wertungen geziert und daher streckenweise polemisch”

    Das werd ich ganz bestimmt nie wieder tun!

    Ansonsten noch mal ganz kurz: Bloße technische Entwicklung ändert noch nichts an den Eigentumsverhältnissen, also z.B. daran, ob ich selbst produzieren kann oder ob ich dann wieder wie die schlesischen Weber selbst produzieren muß.

    Meine Frage: Kapitalismus ist keine “instabile Strategie” und ist nicht “anfällig gegen Verrat/ Misbrauch”? Was hieß es im 16. Jahrhundert darüber, ob er sich mit einer “vorstellbaren Mentalität dauerhaft etablieren lassen” ließe?

  12. Erik / 09. May 2008, 17:02 Uhr

    Ok, ich bin d’acord. Die Technik allein machts auch nicht. Und auch die 3d-Drucker können in einer radikal kapitalistischen Ausbeutergesellschaft existieren. Nur dauert es ja etwas, bis das alles Marktreife erlangt. Und die Idee, dass wirtschaftliche Strukturen, wie die Industrie durch solche Errungenschaften aufgebrochen und umgewälzt werden, kann mit der Zeit durchaus mit einer Veränderung der Gesellschaftsordnung einhergehen. Wie die aber konkret aussieht, mag ich nicht spekulieren. Bestimmt wird kein Ideal herauskommen.

    Der reine Kapitalismus ist in meinen Augen natürlich genauso wenig eine stabile Strategie, wie der Kommunismus. Weil er den Individuen seiner Population auf Dauer zu großen Schaden zufügt (Ausbeutung und so) und dadurch eine Veränderung im Verhalten hin zu einer weniger schädlichen Ordnung begünstigt (ganz allgemein formuliert).

    Und was vorstellbar ist, ist sicher auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

  13. classless / 09. May 2008, 18:09 Uhr

    “Weil er den Individuen seiner Population auf Dauer zu großen Schaden zufügt (Ausbeutung und so) und dadurch eine Veränderung im Verhalten hin zu einer weniger schädlichen Ordnung begünstigt”

    Kannst du mir den Teil noch mal genauer erklären? Der Kapitalismus ist instabil, weil er eine positive Veränderung begünstigt? Das habe ich irgendwie nicht verstanden.

  14. Erik / 09. May 2008, 21:23 Uhr

    Ok, ich ich muss da etwas weiter ausholen. Wovon ich mit stabiler/ instabiler Strategie rede ist ein Aspekt der sogenannten Spieltheorie nach Maynard Smith (Hrsg. Richard Dawkins, “Das egoistische Gen”, S. 137 ff.). Und zwar der der sogenannten “evolutionär stabilen Strategie”. Nach der halten sich innerhalb einer Population Aggression und Versöhnung, Egoismus und Altruismus (usw) in bestimmten Verhältnissen zueinander die Waage. “Reine” Populationen, deren Individuen nur agressiv oder nur altruistisch sind, unterliegen demnach einer instabilen Strategie und können dem Druck der natürlichen Selektion nicht auf Dauer standhalten.

    Es werden hier auch keinerlei Wertungen unterstellt. Eine Strategie begünstig aus sich selbst heraus immer zwangsläufig eine Tendenz, stabil zu werden. Da der reine Kapitalismus vergleichbar mit einer rein agressiven Population ist (ich weiß, dass die Analogie hinkt!), begünstigt er eine Verhaltensänderung, die ihn selbst im Ergebnis zerstört. Begünstigen bedeutet hier, dass Individuen, die das agressive Verhalten mit all seinen selbstzerstörerischen Folgen nicht übernehmen, auf Dauer (über Generationen betrachtet) besser fahren und sich allmählich ausbreiten. Das ist zunächst weder positiv noch negativ besetzt. Beim Kommunismus ist es ähnlich. Nur dass die Analogie hier eine rein altruisische Gesellschaft ist, die im Grunde von selbst zum Misbrauch aufruft. Weil einzelne Individuen wiederum dadurch besser fahren, sich durch aggressiveres Verhalten Vorteile zu verschaffen.

  15. classless / 09. May 2008, 21:29 Uhr

    Hm, klingt ziemlich biologistisch in meinen Ohren. Ich finde Annahmen darüber, wie menschliches Verhalten natürlicherweise aussieht oder aussehen soll, in der Regel seltsam. Mir ist klar, daß es diesbezüglich eine Reihe von Determinanten gibt, von den Menschen in unterschiedlich starkem Maße geprägt sind.

    Dennoch würde ich dem Kapitalismus als allerletztes vorwerfen, daß er die Emanzipation von diesen natürlichen Vorgaben vorangetrieben hat, daß er die Unabhängigkeit von der Biologie, vom Trieb gefördert hat – was er meines Erachtens allerdings nicht ausreichend und mit der üblichen Tendenz tat.

  16. Erik / 09. May 2008, 21:43 Uhr

    Die Evolution spielt allgemein erstmal nicht nur in der Biologie eine Rolle (Charles Darwin war kein Biologe!). Die evolutionär stabile Strategie (ESS) hat ihren Ursprung in der Spieltheorie und drückt (menschliches) Verhalten mit ziemlicher Genauigkeit in Dispositionen und Wahrscheinlichkeiten aus. Von Determinanten ist nicht die Rede, schließlich leiten wir aus dem Darwinismus keine Moral ab!

    Worauf ich einzig hinaus wollte ist, dass Kapitalismus oder Kommunismus (oder Faschismus), generell alle extremen Gesellschaftsordnungen, sich nicht dauerhaft durchsetzen können. Instabil bedeutet: nicht von Dauer. Ganz ohne Wertung oder Vorwurf.

    Ein ganz anderes Thema ist die Unabhängigkeit vom Trieb. Die Psychoanalytiker würden aufspringen und sofort mit Es, Ich und Über-Ich kommen. Im Es stecken ja bekanntlich die Triebe.

  17. classless / 10. May 2008, 07:50 Uhr

    Und was folgt dann daraus? Dauerhaft durchsetzen kann sich nur die ökologisch-soziale Marktwirtschaft?

  18. Erik / 10. May 2008, 08:48 Uhr

    Naja, das liegt ja gerade im Bereich der Spekulationen. Ich persönlich glaube ja, dass jede Form von “sozialer” Marktwirtschaft irgendwo instabil ist. Nur eben nicht so extrem, wie die oben genannten und daher länger bestehen mag. Es ist ja bereits absehbar, dass soziale Monstren, wie z.B. der Generationenvertrag oder die Sozialhife nicht die Modelle sind, die mehrere Jahrhunderte überdauern werden. Wie gesagt, wirtschaftlich bin ich ein Laie. Allgemeiner (ohne den ökonomischen Aspekt gesprochen) würde ich sagen, dass die Demokratie relativ stabil sein kann. Andere Staatsformen, wie z.B. die konstitutionelle Monarchie oder der Absolutismus halten sich nur mir dem “Staudam” Religion gegen ihr eigenes Stabilitätsgefälle aufrecht. Auch halte ich den Gedanken einer Verfassung mit starren (unveränderlichen) Artikel für instabil. Bsp. hierfür ist die überalterte US-Constitution mit ihren teilweise widersprüchlichen Ammenments.

    Der Mennsch hat als einziges Lebewesen die Fähigkeit, über seine eigene Situation zu reflektieren und in die Zukunft zu schauen/ denken. Daher müssen wir natürlich nicht nach einer ESS streben, wie eine Tierpopulation. Aber uns sollte doch etwas besseres einfallen, als die verlogenen Dogmen von Religonen, um eine dauerhafte Gesellschaftsordnung zu etablieren! (Das führe ich an, weil Religionen bisher relativ erfolgreich darin waren, instabile Strategien zu stützen. Selbstverständlich bringt die Aufklärung dieses Kartenhaus zum Einstürzen.) Die Welt, die Christian hier grob skiziert, verstehe ich im weitesten Sinne als radikal basisdemokratisch und im engeren Sinne als wirtschaftlich frei gestalltbar. Wenn unsere Mentalität durch Möglichkeiten, wie Mindupload vom freudschen Es quasi getrennt werden könnte und erweitert würde, hielte ich es für möglich die Evolution in die eigenen Hände zu nehmen. Alles sehr radikal und spekulativ, ich weiß.

  19. classless / 10. May 2008, 16:55 Uhr

    “radikal basisdemokratisch und im engeren Sinne als wirtschaftlich frei gestalltbar. (…) die Evolution in die eigenen Hände zu nehmen. Alles sehr radikal und spekulativ, ich weiß.”

    Radikal wird es m.E, erst, wenn du die Frage hinzuziehst, warum diese Entwicklung außerhalb von Think Tanks und Kleincommunities nicht längst eingetreten ist. Und das hat ganz zuvörderst damit zu tun, daß nach wie vor angestrebt wird, allen Dingen einen Eigentümer zuzuordnen und dessen Verwertung gegen sämtliche Vernunft und alle möglichen anderen Zwecke zu sichern.

    In der Welt der Patente, der Verlage, der Zäune und der Arbeitsverträge kann die überwältigende Mehrheit der Menschen gar nichts in die eigenen Hände nehmen.

  20. Erik / 11. May 2008, 15:15 Uhr

    Ja ja, schon gut!

    Es ist ein feuchter Traum. Der Wunsch, sich endlich von genetischen Zwängen zu befreien, die natürliche Leistungsgrenzen ungleich verteilen und die größte aller Krankheiten determinieren: die Altersschwäche. Was mich ja mal interessiert ist, woran man eingentlich genau stirbt, wenn es heißt “Altersschwäche”. Dieser Euphemismus wird nicht mehr lange haltbar sein, ist meine Meinung. Fleischavatare oder Mindupload sind die eigentlichen Ziele meiner Hoffnungen, da sie die menschliche Psyche aufspalten und für die Unsterblichkeit umformen werden. 3d-Drucker sind nur ein Etappenziel, um über die Welt der Materie besser verfügen zu können. Gesellschaftsordnungen sind mir doch scheißegal. Wenn wir uns irgendwann von der Qual des Sexualtriebes befreien können, führt Unstreblichkeit auch nicht zwangsläufig zur Überbevölkerung.

    Ich stelle mir eine Welt vor, in der ich in meinem eigenen Konstrukt als virtuelles Profil lebe, zwiesprache mit den unzähligen Facetten meiner Persönlichkeit führe und mittels verschiedener Avatare in der Wirklichkeit interagiere. Alles andere ist nur Rattenschwanz.

  21. Erik / 13. May 2008, 17:46 Uhr

    Nochmal zu der Frage, warum diese Entwicklung außerhalb von Kleinkommunities und Think Tanks noch nicht eingetreten ist. Deine Hypothese schiebts auf das Eigentum. Und ich persönlich kenne viele Beispiele, die deine Hypothese stützen. Besonders in der Psychologie ist es erstaunlich, wie knallhart das Geschäfft mit reliablen Fragebögen (in Sachen Intelligenz- und Persönlichkeitsdiagnostik) ist.

    Meine Hypothese ist, dass die mentale/ moralische Entwicklung der Technologie weit voraus ist. Die Menschen wollen doch diese starren Verhältnisse auflösen, und es besser machen. Das Internet löst doch zum Beispiel das Eigentum an Kunst und Kultur (Musik, Filme, Bücher) bereits langsam auf. Was ich früher an Rechten und Titeln erwerben musste, um überhaupt in manchen Fächern mitreden zu können, ist zusehends ein Abklatsch seiner selbst (vgl. hierzu Christians Text vom 7. Mai). Und wodurch? Das Internet. Eine Technik, die aus der Masse technischer Möglichkeiten selbst emergierte und nicht vorhergesehen wurde.

    Solange wir in einer Welt der Eigentumsstrukturen leben, gebe ich dir recht. Doch ich meine nicht, dass die von Dauer sein wird!

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