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re:publica'09 #16: verspäteter Doctorow

Tag 3, ca. 11.35 Uhr

Will rechtzeitig zum Cory-Doctorow-Vortrag da sein, der 12.00 Uhr beginnen soll. Tatsächlich finde ich Doctorow mit @johannes_mono im Foyer vor und habe die große Ehre, ihm mal kurz die Hand zu schütteln. Gut, für dessen Auftritt bin ich offenkundig nicht zu spät gekommen. Betreibe einige Micro-Socializings und schaue dann, als es gegen Zwölf geht, in den Großen Saal rein. Dort sind allerdings andere Personen zu sehen als Wikipedia-Gott Jimbo Wales, der für 11.30-12.00 Uhr angekündigt war und den ich mir kneifen wollte, weil ich damit rechnete, von ihm wenig Neues zu erfahren, hatte ich ihn doch schon mal auf dem Chaos Communication Congress reden hören. Schließe daraus, dass der Zeitüberzug so weit liegt, dass Wales noch nicht mal angefangen hat, und rechne mir aus, noch mindestens eine weitere halbe Stunde zum Rumstreunen zu haben, juchhu!

Da Jimbo Wales (immer, wenn ich ihn sehe, muss ich an die vielen Valleywag-Boulevard-Stories über ihn denken) aber ebenfalls ordentlich überzieht, beginnt Doctorow erst um 13.00 Uhr. Hmmpf. Zwischenzeit verbracht im Belauschen von @johannes_mono und @timpritlove. Mit denen geht's dann auch in den Saal. Ich bin ja ein bisschen skeptisch, ich habe Doctorow schonmal ein klein bisschen damals auf der ersten Berliner Web 2.0 Expo Europe reden gehört und den Auftritt als nicht so spannend in Erinnerung.

Aber Doctorow bläst mich diesmal ordentlich weg. Er steht allein und ohne Präsentationsfolien an einem Pult im Zentrum der großen Bühne gegenüber einem dichtgepackten Riesensaal und offenbart sich in dieser Herausforderung sofort als Super-Rhetoriker. Er nimmt sich einige dem Saal wohlvertraute Fragen -- Internet vs. Copyright, digitale Erschütterungen der Kulturindustrie, das 'wie kann der Künstler im Internetkommunismus noch seinen Lebensunterhalt verdienen?' -- und schüttelt sie ordentlich mit der Etwas-zuende-denken-Konsequenz des Science-Fiction-Autors durch.

Kaum jemand wird hier widersprechen, wenn die Gängelungen der Internetfreiheiten durch die Rechteverwertungsindustrie angeklagt werden. Aber Doctorow tut es besonders durchdacht, machtvoll und rekombinierbar. Er betont die lächerliche Asymmetrie im "Three Strikes and you're out"-Konzept, das mit einem Internetverbot für Urheberrechtssünder die faktische intellektuelle, kulturelle, soziale Todesstrafe für einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft fordert, um überholte Geschäftsmodelle einiger vergänglicher Unternehmen zu beschützen. Er illustriert die Absurdität der Drastik mit der Gegenforderung, einem Unternehmen wie Bertelsmann und all seinen Mitarbeitern möge man doch bitte ebenso nachhaltig und vollständig den Internetzugang sperren, wenn es sich im Falle von Urheberrechtsabmahnereien juristisch verhebe.

Er betont die absolute, nicht mehr gegen Flüchtigkeiten wie Hollywood oder das Musik-Business aufrechenbare Bedeutung des Netzes als fundamentaler Freiheits- und Kreativitäts- und Sozialinfrastruktur der Menschheit. Wenn das Internet für bestimmte Formen des Wirtschaftens, aber auch für bestimmte kulturelle Ausdrucksformen das Grabtuch sei, dann sei das ein Preis, den man ohne Zwinkern zu zahlen bereit sein müsse. Wenn die Filmindustrie uns eine Pistole an den Kopf halte und uns zur Entscheidung zwinge, ihr Modell des behäbigen 300.000.000-Dollar-Films oder unser flinkes Internet, dann werde die Entscheidung glasklar zugunsten des Netzes fallen.

(Er macht auch einen kleinen scherzhaften Ausflug zur Singularität: Er zählt die Kontrollmechanismen auf, die sich die Rechteverwertungsindustrie wünsche, und die im Kampf auf eine in ihrem ganzen Wesen perfekte Kopier- und Speicher- und Verbreitungsmaschine nur immer wieder neu scheitern könnten, letztlich gipfelten in einem System, das den gesamten Internet-Verkehr kontrollierend abhorcht und ständig auf Urheberrechtsverletzungen überprüfe, das automatisiert geschützte Inhalte und ihre Ableitungen erkenne und bestimmen könne, wer die Austauschpartner und inwieweit sie autorisiert seien usw. So ein System müsste nichts Geringeres können, als den gesamten, sich in seinem Wachstum beschleunigenden Korpus menschlicher Kultur intelligent verinnerlichen und sortieren und stets mit den Internet-Strömen abgleichen und diese darüber regulieren. Er meint: Wenn wir einmal ein so intelligentes und allwissendes Computersystem haben, dann sind Urheberrechtsfragen wahrscheinlich noch unsere geringste Sorge.)

Er bekennt sich voll und ganz zur steten Disruptivität des Netzes. Bei ihm erfordert das Netz nicht einfach nur ein einmaliges Umstellen vorhandener Geschäftsmodelle: viel mehr eine ständige Flexibilität, ein Akzeptieren, dass es keine langfristigen Patentrezepte mehr gibt, dass das Netz alles immer wieder neu umwirft. Wer heute jammert und klagt und trampelt, um den Status Quo gegen neue Spielregeln zu verteidigen, schaufelt sich nur sein Grab, weil er die Zeit besser dafür verwenden sollte, das Neue immer wieder neu zu verstehen und sich unter seinen Bedingungen immer wieder neu zu erfinden. Sicher, heute verdiene er sein Geld mit gedruckten Büchern, aber sich darauf zu verlassen, hält er für leichtsinnig. Mancher heutige kreative Beruf müsse sich wohl auch einfach damit abfinden, in traditioneller Form bald nicht mehr groß Kohle scheffeln zu können. Für manche Branche geht die Party einfach vorbei. Dafür ist das Netz besser darin, uns gegenseitig in unseren Angeboten und Bedürfnissen zu vermitteln. Aber auch hier gilt: Reichweite ist unter den Bedingungen des Netzes nicht gleich Geld. (Aber wer braucht dann überhaupt noch das alte Schmiermittel Geld?)

Eine Publikumsfrage eröffnet einen als spezifisch deutsch gezeichneten Diskurs, ob es ethisch sei, mit kreativem Schaffen überhaupt Geld zu verdienen. Doctorow vervollständigt zur Antwort das Arsenal evolutionärer/genetischer Metaphern, das er den ganzen Vortrag über pflegte: Relevant sei nicht, ob eine bestimmte Form von Kreativität kommerziell sei oder nicht, sondern welche Form mehr Kreativität schaffe. Wichtig ist, wieviel Kreativität am Ende rauskommt. Ob dabei nun mehr oder weniger Kommerzialität involviert gewesen sei, egal. Lasst uns die Funktion Kreativität maximieren -- egal wie!

Ich applaudiere 'frenetisch'.

Saturday April 11, 2009

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Kommentare

  1. SimSullen / 11. April 2009, 19:52 Uhr

    Danke Plom
    ich dachte mir schon seit Tagen, der Doctorow Vortrag, mein persönliches Highlight der rp09, müsste nochmal angemessen gewürdigt werden. Dies ist hiermit erledigt! ich wäre da eh´ grandios dran gescheitert.

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