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Microdiskursen

Was Twittern diskurstechnisch dem Bloggen voraus hat. Warum Kleinteiligkeit, Flachheit und Flüchtigkeit großartig sind.

Ich vertraue meinem Wohlbefinden und meiner Erregungsfähigkeit. Wenn ich es spannender, ergiebiger und auch leichter finde, über ein bestimmtes Thema einen Blog-Eintrag niederzuschreiben als einen printkompatiblen Artikel auszuarbeiten, dann wird das wohl seine Gründe haben.

Vielleicht finde ich, dass ein ungeschliffenes Hinrotzen des Inhalts, der mir im Kopf spukt, seiner Vermittlung direkter und stärker dient als sein Einweben in ein abgewogenes rhetorisches Geflecht, das mehr der psychologischen Steuerung des Lesers dient als der Reproduktion meines Gedankens. Vielleicht habe ich ein präziseres Bild meiner Leserschaft, wenn ich blogge — für das Nischenpublikum meiner Kommentatoren und der Leute, die mir anderswo erzählt haben, dass sie mein Blog lesen —, als wenn ich für ein großes Allgemeinpublikum, für jeden und niemanden, schreibe. Vielleicht sind die Hürden des Ausdrucks niedriger und die Potentiale kommunikativer Belohnung höher: Die Kommentare bei mir wie auch in anderen Blogs, aber auch das Wissen, mit dem Web und für Google in den gleichen bunten und hierarchisch flachen Diskursteppich reinzuschreiben und reinzufließen, in den auch die Restblogosphäre, Spiegel Online, Furryfetischforen und Wikipediaeinträge zu South-Park-Episoden einigermaßen gleichberechtigt mit mir einfließen.

Nun hat es in letzter Zeit oftmals mehr mein Wohlbefinden und meine Erregungsfähigkeit angesprochen, zu twittern, als zu bloggen. Vieles, wofür man früher das Bloggen gepriesen hat, scheint sich mit dem Twittern noch einmal um eine große Stufe zu verstärken: Der Charakter des unabgewogenen Hinrotzens von Gedanken und Bemerkungen, Spontaneität und Launigkeit. Das Schreiben für eine — offen, aber persönlich — aus bestimmten Menschen zusammengesetzte Leserschaft anstatt für ein abstraktes Publikum. Das Einfließen in ein großes Gespräch unter Gleichen anstatt von Frontalunterricht.

Aber ist die Beschränkung von 140 Zeichen für eine Twitter-Äußerung nicht diskurshemmend? Und leidet eine Äußerung in Twitter nicht unter großer Flüchtigkeit? Was einmal ein paar Gesprächsprotokollseiten nach hinten gerutscht ist, bleibt beinahe immer auf ewig verschwunden.

Ich halte beides auch diskurstechnisch eher für Features als für Bugs. Ja, tatsächlich, die Beschränkung auf 140 Zeichen formt und bestimmt vor, was über Twitter gesprochen werden kann. Es zwingt zur kreativen Reduktion, zur Konzentration auf Kern oder Witz einer Idee. Aber gerade das bringt einen hohen diskursiven Gewinn: Große Wollmilchsäue von Konzepten, die die Länge eines Buches für sich beanspruchen, werden auf Micro-Konzepte verkleinert, was sie sehr viel handhabbarer und vor allem: verschaltbarer miteinander macht. Die achtungsgebietende Schimäre der Tiefe weicht der inspirierenden Kleinteiligkeit von Lego-Bausteinen, die durch ihre unendliche Kombinierbarkeit ganz neue diskurisve Komplexitäten schaffen können, die mit den nur in sich und nur für sich existierenden früheren Konzeptmonstren unmöglich gewesen wären. Im Zeitalter des Mash-ups und der allumfassenden Verschaltbarkeit muss der romantische Abgrund des tiefreichenden Expertenwissens der praktikablen Flachheit (nicht: Oberflächlichkeit) des allgemein über Google und Wikipedia Verfügbaren und Zusammenfassbaren weichen.

Zugleich sagt mir die Flüchtigkeit von Twitter diskurstechnisch zu, denn sie bildet das Denken besser ab als das Niederschreiben von Texten, die für alle Zeit lesbar und zitierbar öffentlich stehen bleiben. Denken ist ein Prozess, kein Artefakt. In absteigendem Maße sind Bücher, Zeitungsartikel und Blogeinträge Artefakte und in ansteigendem Maße kommunikatives Denken. Die Flüchtigkeit von Twitter ist ein Bekenntnis für die Prozesshaftigkeit von Diskurs und gegen sein Artefakt-Sein. Arbeit, die etwas bewirkt, löst ihre Gegenständlichkeit auf, indem sie sich in ihre Ergebnisse transformiert. Es bringt nichts, ein vergangenes Gespräch nachzulesen: Man muss es immer und immer wieder neu führen. Nur so entgeht man Erstarrung. Dass Twitter flüchtig ist, bedeutet: “panta rhei”, alles fließt.

Aber hey, warum blogge ich dann überhaupt noch? Ganz einfach: Das Obige hätte ich in 140 Zeichen für meine Twitter-Abonnenten zusammenfassen können, aber warum sollte ich mich auf eine einzige Diskussionsform festschießen? Flachheit bedeutet im Netz auch, das alles nebeneinander bestehen kann: der flüchtige 140-Zeichen-Text, der variable Wikipedia-Eintrag, der ebenso in Stein gemeißelte wie digitalisierte 800-Seiten-Roman aus dem 19. Jahrhundert. Mittels dem Hyperlink kann ich es trotzdem alles verschalten. Und wenn der Hyperlink zu lang wird, mache ich ihn mir mit tinyurl klein. Lang lebe die Mikroverschaltbarkeit!

Tuesday December 11, 2007

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Kommentare

  1. Basti Hirsch / 11. December 2007, 19:03 Uhr

    bitte mehr von den alten griechen! — #sixwords #lolflirt
    schöne niederschrift christian :)

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